Bindungsangst in der Kennenlernphase: Anzeichen und Verhalten verstehen

Ihr schreibt euch täglich, die ersten Dates laufen gut, es fühlt sich leicht an. Und dann, ohne dass etwas Konkretes passiert ist, wird es plötzlich stiller. Nachrichten kommen seltener, Verabredungen bleiben vage, oder die Person zieht sich genau in dem Moment zurück, in dem ihr euch näherkommt.

Dahinter kann Bindungsangst stecken. Muss es aber nicht. Manchmal fehlt einfach das Interesse, oder ihr habt unterschiedliche Vorstellungen davon, wie schnell sich ein Kennenlernen entwickeln sollte.

Wie zeigt sich Bindungsangst in der Kennenlernphase?

Meistens passiert es genau dann, wenn aus lockerem Kennenlernen langsam echte Nähe wird. Die Person wünscht sich womöglich durchaus eine Beziehung, aber sobald diese näher rückt, fühlt sie sich davon eher bedroht als erleichtert.

Das äußert sich oft in einem Verhalten, das schwer zu deuten ist: Nach einem richtig guten Abend meldet sich die Person tagelang nicht. Auf intensiven Austausch folgt plötzlich Funkstille. Über die Zukunft wird nicht gesprochen, oder das Interesse scheint von einem Tag auf den anderen zu verpuffen.

Wichtig dabei: Ein einzelner Rückzieher sagt noch nichts. Erst wenn sich dasselbe Muster immer wieder zeigt, wird es aussagekräftig.

Gerade beim Online-Dating spielt das oft eine besondere Rolle. Eine Studie zu Erwachsenen mit vermeidender Bindung fand, dass sie die Kontrolle, die Apps bieten, durchaus mögen, gleichzeitig aber misstrauisch bleiben, ob das Gegenüber es wirklich ernst meint. Die Distanz, die eine App ohnehin schon mitbringt, kann sich für jemanden mit Bindungsangst zunächst sicher anfühlen, wird aber genau dann zum Problem, wenn daraus echte Nähe werden soll.

Typische Anzeichen von Bindungsangst beim Kennenlernen

1. Auf Nähe folgt plötzlich Distanz

Ihr hattet ein tolles Date, die Chemie stimmte, ihr habt bis nachts geschrieben. Und dann, zwei Tage später: nichts. Keine Erklärung, kein Streit, einfach Stille.

Dieser Wechsel zwischen Nähe und Rückzug ist eines der verwirrendsten Muster überhaupt. Forschung zu vermeidender Bindung zeigt, dass Betroffene ihren emotionalen Ausdruck unterdrücken und Zeichen von Nähe gegenüber Partnern bewusst herunterspielen. Das heißt nicht, dass die Nähe vorher gespielt war. Es heißt aber auch nicht automatisch, dass Bindungsangst dahintersteckt.

2. Die Signale wirken widersprüchlich

Montag schreibt sie dir drei Nachrichten hintereinander. Mittwoch liest sie deine Nachricht und antwortet erst am nächsten Abend. Ihr sprecht über einen gemeinsamen Kurzurlaub, eine Woche später ist davon plötzlich keine Rede mehr.

Solche Signale können viele Gründe haben, Bindungsangst ist nur einer davon. Spannend ist aber, warum genau diese Unsicherheit so schwer loszulassen ist: In einem bekannten Experiment fühlten sich Frauen am stärksten zu Männern hingezogen, wenn sie unsicher waren, wie sehr diese sie mochten, stärker sogar als bei Männern, deren Zuneigung eindeutig war. Es ist also nicht zwingend die Tiefe der Verbindung, die dich festhält. Manchmal ist es einfach die Ungewissheit selbst.

3. Das Kennenlernen soll möglichst unverbindlich bleiben

„Lass uns einfach mal schauen, was passiert“ klingt harmlos, kann aber auch ein Muster sein: Nähe ja, aber bitte ohne Etikett. Sobald du fragst, wo das Ganze hinführt, kommt Unbehagen statt Antwort.

Eine Studie mit mehreren Teilstudien fand genau das: Vermeidende Bindung hing negativ mit Interesse an Partnern mit hohem Nähepotenzial zusammen, bei Partnern, die von vornherein unverbindlich blieben, dagegen nicht. Trotzdem: Am Anfang eines Kennenlernens ist es völlig normal, noch nicht zu wissen, wohin es geht. Ein einzelner „schauen wir mal“-Satz ist kein Alarmsignal.

4. Gespräche über Gefühle fallen schwer

Du fragst „Wie geht’s dir eigentlich mit uns?“ und bekommst einen Scherz zur Antwort, oder ein Thema-gewechselt. Nähe genießen kann die Person trotzdem, nur übers Reden darüber kommt sie nicht hinweg.

Auch das muss nichts mit Bindungsangst zu tun haben. Manche Menschen sprechen einfach grundsätzlich ungern über Gefühle.

5. Kleine Zweifel bekommen plötzlich großes Gewicht

Die Art, wie sie lacht, fandest du am Anfang bezaubernd. Jetzt, wo es ernster wird, nervt sie dich plötzlich. Kleinigkeiten, die vorher egal waren, werden zum Argument gegen die Beziehung.

In der Bindungsforschung werden Strategien, mit denen bindungsbezogene Gefühle und Bedürfnisse herunterreguliert werden, als Deaktivierungsstrategien beschrieben. Dazu kann beispielsweise gehören, Nähe weniger wichtig erscheinen zu lassen oder den Blick stärker auf Distanz zu richten.

Kann sein, dass genau das hier passiert. Kann aber auch sein, dass jemand beim Kennenlernen einfach ehrlich gemerkt hat: Es passt nicht.

Warum kann Bindungsangst gerade in der Kennenlernphase auftreten?

Kennenlernen bedeutet Unsicherheit. Und je näher man sich kommt, desto größer wird das Risiko, verletzt oder zurückgewiesen zu werden.

Wie jemand mit dieser Unsicherheit umgeht, hängt stark von früheren Erfahrungen ab. Frühere Bindungs- und Beziehungserfahrungen können beeinflussen, wie Menschen später mit Nähe, Verletzlichkeit und Verbindlichkeit umgehen. Sie sind aber nicht die einzige Erklärung dafür, wie sich Beziehungsmuster entwickeln.Wer emotionale Nähe eher mit Verletzlichkeit verbindet, kann sich eine Beziehung wünschen und trotzdem instinktiv zurückweichen, sobald sie näher rückt.

Wichtig: Bindungsangst ist keine Diagnose, die du einfach so vergeben kannst. Hinter Schwierigkeiten mit Nähe stecken oft ganz unterschiedliche Geschichten.

Bindungsangst beim Mann in der Kennenlernphase

Ein typisches Muster sieht oft so aus: Drei Tage lang schreibt er jeden Abend, das erste Treffen läuft, als würde man sich schon länger kennen. Kurz darauf wird es plötzlich still, ohne erkennbaren Anlass, ohne Erklärung.

Danach wird oft gefragt, ob das typisch für Männer mit Bindungsangst ist. Ein eigenes „männliches“ Verhalten, an dem sich das sicher erkennen lässt, gibt es nicht. Was sich zeigt, ist eher eine Mischung: wochenlange Aufmerksamkeit, dann kaum Erreichbarkeit. Pläne, die angesprochen, aber nie konkret werden. Fragen nach der gemeinsamen Richtung, die mit einem Scherz beantwortet werden.

Dasselbe Muster zeigt sich bei Frauen genauso. Entscheidend ist nicht das Geschlecht, sondern ob sich das Verhalten wiederholt.

Wie zeigt ein Mann mit Bindungsangst Gefühle?

Das Verwirrende an Bindungsangst: Jemand kann dich vermissen und das auch zeigen, sich ehrlich für dein Leben interessieren, im Moment ganz da sein. Und trotzdem am nächsten Tag kaum erreichbar sein.

Das wirkt widersprüchlich, muss es aber nicht sein. Gefühle zu haben und bereit zu sein, daraus eine Beziehung zu machen, sind zwei verschiedene Dinge. Das eine kann vorhanden sein, ohne dass das andere folgt.

Deshalb lässt sich aus einem besonders vertrauten Moment nicht ableiten: „Er fühlt doch was, also wird das schon.“ Das Gefühl kann echt sein. Ob daraus Verbindlichkeit wird, zeigt sich erst später.

Und wie zeigt sich Bindungsangst bei Frauen?

Genauso wenig gibt es ein typisch weibliches Muster. Rückzug, Zweifel, Schwierigkeiten mit Verbindlichkeit, das starke Bedürfnis nach Distanz, all das kommt unabhängig vom Geschlecht vor.

Sätze wie „Männer mit Bindungsangst machen X, Frauen machen Y“ klingen zwar griffig, greifen aber zu kurz. Es zählt die Person vor dir, nicht ihr Geschlecht.

Bindungsangst oder kein Interesse, wie erkennt man den Unterschied?

Eine der schwierigsten Fragen überhaupt in einer Kennenlernphase.

Von außen siehst du oft nicht, ob jemand aus Angst vor Nähe zurückweicht oder einfach kein echtes Interesse hat. Beides sieht am Ende gleich aus: weniger Kontakt, abgesagte Treffen, vage Antworten.

Deshalb bringt es mehr, dir eine andere Frage zu stellen:

Bekomme ich in diesem Kennenlernen die Nähe und Klarheit, die ich brauche?

Wer ständig auf eine Erklärung für widersprüchliches Verhalten wartet, verliert leicht die eigenen Bedürfnisse aus dem Blick.

Wenn jemand immer wieder ausweicht oder sich dauerhaft zurückzieht, ist das ein wichtiges Signal dafür, ob es sich lohnt, weiter in dieses Kennenlernen zu investieren, egal ob Bindungsangst dahintersteckt oder etwas anderes.

FILMTIPP

Generation Beziehungsunfähig

Der Film Generation Beziehungsunfähig (2021) greift viele Situationen auf, die aus modernen Kennenlernphasen bekannt sind: unverbindliches Dating, Rückzug und die Schwierigkeit, sich auf einen anderen Menschen einzulassen.

Der Film ist eine romantische Komödie und keine psychologische Darstellung von Bindungsangst. Als unterhaltsamer Blick auf Dating, Nähe und Verbindlichkeit passt er dennoch gut zum Thema.

Was brauchen Menschen mit Bindungsangst?

Druck und Ultimaten bringen meistens wenig. Was eher hilft: offene Kommunikation, klare Grenzen und Raum, die eigenen Gefühle überhaupt erst zu sortieren.

Das heißt aber nicht, dass du jeden Rückzug einfach hinnehmen musst.

Eine Beziehung trägt nicht dadurch, dass eine Person besonders geduldig ist. Es zählen die Bedürfnisse von beiden.

Wer selbst immer wieder unter Angst vor Nähe leidet und deshalb Beziehungen abbricht oder gar nicht erst zulässt, kann sich das eigene Verhalten genauer ansehen, notfalls mit professioneller Unterstützung.

Was kannst du tun, wenn dein Gegenüber immer wieder auf Abstand geht?

Sprich deine Wahrnehmung an, statt zu diagnostizieren. Statt „Du hast Bindungsangst“ wirkt es offener, einfach zu beschreiben, was du bemerkst: „Mir fällt auf, dass sich unser Kontakt manchmal wechselhaft anfühlt, ich weiß dann nicht genau, woran ich bin.“

Sag konkret, was du brauchst. Statt zu hoffen, dass sich die Signale von allein klären, sag direkt, was dir wichtig ist, etwas mehr Verlässlichkeit zum Beispiel, oder eine ehrliche Einschätzung, wo die Reise hingeht.

Beobachte die Reaktion, nicht nur die Erklärung. Worte allein reichen nicht. Achte darauf, ob sich danach wirklich etwas ändert, oder ob auf gute Vorsätze derselbe Rückzug folgt.

Setz dir selbst eine Grenze. Verständnis für die Unsicherheit eines anderen Menschen ist wichtig, sollte aber keine unbegrenzte Wartezeit werden. Überleg dir vorher, wie viel Hin und Her du bereit bist mitzutragen.

Kann aus einer Kennenlernphase mit Bindungsangst eine Beziehung entstehen?

Ja, das kann sie. Aber nicht automatisch und nicht durch Zuwarten allein.

Es funktioniert eher, wenn der andere sein Muster erkennt und offen darüber spricht. Wenn er auch dann noch dranbleibt, wenn es unbequem wird. Kleine, wiederholte Verbesserungen zählen dabei mehr als große Versprechen.

Es funktioniert eher nicht, wenn sich Rückzug und Nähe immer wieder im selben Muster wiederholen. Wenn das Thema zwar angesprochen, aber nie wirklich bearbeitet wird. Oder wenn du merkst, dass du ständig die emotionale Arbeit für beide übernimmst.

Die Hoffnung, einen Menschen allein durch Geduld oder Liebe „heilen“ zu können, trägt keine Beziehung. Veränderung kann nur der andere selbst leisten. Du kannst höchstens Raum dafür geben.

Häufige Fragen zur Bindungsangst in der Kennenlernphase

Kann ein Mensch mit Bindungsangst lieben?

Ja. Schwierigkeiten mit Nähe heißen nicht, dass jemand nichts fühlt. Das Problem liegt eher darin, mit wachsender Nähe und Verbindlichkeit umzugehen.

Wie verhält sich jemand mit Bindungsangst in der Kennenlernphase?

Mögliche Anzeichen sind wechselnde Nähe und Distanz, Rückzug bei zunehmender Verbindlichkeit, Schwierigkeiten beim Sprechen über Gefühle oder der Wunsch, das Kennenlernen unverbindlich zu halten. Solche Verhaltensweisen können allerdings auch andere Ursachen haben.

Ist plötzlicher Rückzug ein Zeichen für Bindungsangst?

Nicht automatisch. Genauso gut können Stress, private Probleme oder einfach nachlassendes Interesse dahinterstecken. Ein einzelnes Verhalten reicht nie als Beweis.

Hat er Bindungsangst oder kein Interesse?

Sicher unterscheiden lässt sich das von außen kaum. Ein offenes Gespräch bringt meist mehr Klarheit als jede Ferndiagnose, genau wie die Frage, ob die Person überhaupt bereit ist, weiterzumachen.

Sollte ich bei Bindungsangst mehr Abstand geben?

Etwas Raum kann helfen. Aber Dauerhaftigkeit darf daraus nicht werden. Am Ende zählen die Bedürfnisse von euch beiden, nicht nur von einem.

ÜBER DIE AUTORIN

Jana Bretz

Seit rund 25 Jahren arbeitet Jana im Bereich Online-Dating und ist als Projektmanagerin bei der ICONY GmbH tätig. Im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit hat sie unterschiedliche Bereiche des Online-Datings kennengelernt – vom Support bis zur Betreuung großer White-Label-Dating-Portale etablierter Medienmarken.

Mehr über Jana Bretz und Seelenverwandt →